10. November 2010
Beim Gehen versuche ich möglichst wenig in den Schmutz zu treten, der auf meinem Weg liegt. Die Bauern bringen den Mist aufs Feld und immer mehr Pferde verlieren ihre Äpfel auf den Strassen. Dabei habe ich durchaus Sympathie für die Hinterlassenschaften der Pferde. In dem Ort, indem ich meine Kindheit und Jugend verbrachte, hatten meine Eltern einen Garten am anderen Ende des Dorfes. Jeder Gang in den Garten mit unserem Handwagen wurde dazu genutzt, die auf dem Weg lagernden Pferdeäpfel einzusammeln und auf dem Feld als Dünger einzuarbeiten. Jedes Mal, wenn ich einen solchen Haufen sehe, kommen mir deshalb meine Jugenderinnerungen in den Sinn mit all den schönen Empfindungen an diese Zeit.
Es ist 7.35 Uhr und ich umrande Istha vielleicht zum zweitausendsten Mal seit knapp sieben Jahren. Seit ich vor sieben Jahren überraschend gemerkt habe, dass ich alt werde, beschloss ich, dagegen anzugehen. So gehe ich seit dieser Zeit möglichst jeden Morgen zwischen 7 und 8 Uhr einen etwa 3 km langen Weg um Istha.
Ich laufe gerade an der Espe vorbei, die an der Kreuzung Schildweg / Hofstrasse steht. Ein besonderer Baum mit einer kleinen selbstgezimmerten Bank davor. Kein anderer Baum raschelt bei Wind so schön. An manchen Tagen riecht er so intensiv, dass ich ihn auch mit verbundenen Augen erkennen könnte.
Etwas weiter ist eine Gruppe von Arbeitern gerade dabei den Asphalt aufzureißen und den Abwasserkanal zu reparieren. In diesen Tagen sieht man in ganz Istha solche Trupps.
Mein Weg führt mich weiter um Istha herum. Als ich in den Hohenäckerweg einbiege, kann ich gerade noch unser Auto auf der Kasseler Strasse
ortsauswärts fahren sehen. Meine Frau fährt zu ihrem Computerkurs, gegen den sie sich immer so gewehrt hat. Weiter geht mein Weg zum
Sportplatz und von dort zurück ins Neubaugebiet. Von Ferne fällt schon das neu in rot gestrichene Haus auf, das sich von seiner Umgebung
markant abzuheben scheint. Wieder zurück im Ort fällt mir der Brückengraben auf, dessen Bachlauf gerade in einem Teilbereich erneuert wurde.
Schwitzend zu Hause angekommen freue ich mich auf die Dusche, auf das Frühstück und den Tag und beschließe spontan meine Erlebnisse als Beispiel
für einen Tag der Jahreschronik aufzuschreiben und am Nachmittag beim Cafe Parrschüre vorzutragen.
Das Apfelbäumchen
„Und wenn ich wüßte, die Welt würde morgen untergehen, dann würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“, so oder ähnlich soll Luther einmal formuliert haben, eine optimistische Sichtweise. Allen schlechten Nachrichten zum Trotz hatte auch Hoimar von Ditfurth in Anbetracht der atomaren Bedrohung sein wichtigstes Buch in ähnlicher Weise betitelt. Es muss also was dran sein am Apfelbäumchen.
Je weiter ich mich entferne von der Stelle, Distanz entwickele zu meinem immer merkwürdig werdenden Verhalten, um so mehr halte ich mich doch für einen Spinner. Nein, du kannst doch nicht immer wieder mit ihm reden, ihn aufmuntern durchzuhalten, ihn für seine Standfestigkeit loben, sage ich mir. Und dennoch lässt mich sein Anblick nicht los und meine von Herzen kommenden Worte nehmen keinen Umweg über meinen Verstand.
Wir kennen uns schon seit vielen Jahren. Er ist mir im Laufe der Zeit immer vertrauter geworden. Ich hatte ihn schon gesehen, als er noch ganz klein war, mich damals gewundert, als ich ihn an einer Stelle traf, wo ich ihn nicht vermutet hatte. Zunächst konnte ich ihn nicht einordnen, es war Winter, da fällt einem das natürlich nicht leicht. Ich wußte nicht, zu welcher Familie er gehörte, doch er zeigte mir dann im Sommer und Herbst sein wahres Gesicht. Im Herbst trug meine bis dahin eher einseitige Freundschaft erste Früchte für mich. Er bedankte sich auf seine Weise für meinen fast täglichen Zuspruch.
Vor drei Jahren schien unsere Freundschaft zu Ende zu sein. Ich sah ihn nicht mehr. Er war wie vom Erdboden verschwunden. Erst als ich die Stelle, über die schon Gras gewachsen war, näher untersuchte, sah ich zu meinem Entsetzen, dass er knapp über dem Boden abgesägt worden war. Ich war entsetzt und traurig. Ich war selbst kurz vorher durch ein tragisches Unglück und den Verlust einer nahen Angehörigen in meiner Familie sehr betroffen. Dadurch ging mir dieses Unglück näher, als es dies in Zeiten größerer Eigenkontrolle getan hätte. Ich war schockiert.
In den folgenden Wochen überfiel mich beim Passieren dieses Ortes auf meinem täglichen Weg ein Anflug von Trauer. Ich hatte mich schon fast damit abgefunden an dieser Stelle nie wieder ein Apfelbäumchen zu sehen, als ich entdeckte, dass sich ein kleiner Trieb aus dem Stamm unterhalb der abgesägten Stelle auf den Weg ans Licht gemacht hatte. Ein Lebenszeichen, der Baum hatte diesen Schock überlebt, hatte eine enorme Kraft entwickelt, weil er am Leben hing.
Er hatte alle seine inneren Kräfte gebündelt, um den Rest von Leben, der noch in ihm steckte, wieder zur Entfaltung zu bringen. Was für ein Hoffnungszeichen auch für mich. Ich merkte, wie es auch mir danach besser ging. Ich war stolz auf das Bäumchen und ging jetzt aufrecht und ehrfürchtig mit ihm redend an ihm vorbei. In den folgenden Monaten entwickelte sich aus dem Trieb ein neues kleines Bäumchen. Im letzten Jahr hatte es sogar schon wieder zwei Früchte an seinen Ästen.
Es muss einen starken Willen und viel Optimismus besitzen. Auch jetzt leidet es wieder. Der bisherige Winter hat ihm stark zugesetzt. Rehe haben in ihrer winterlichen Not an seinen Ästchen genagt und sie total verbissen. Aber ich bin jetzt guter Hoffnung. Wenn ich dem Bäumchen gut zurede, wird es sich im Frühjahr bestimmt erholen. Vielleicht kann mich ja jemand bei der Baumpflege unterstützen.
